„Warum hast du mich weggegeben?“

Es geht um eine Frage mit fünf Wörtern, mehr nicht. Und doch fällt es Julia nicht leicht, sie auszusprechen. Julia ist acht Jahre alt. „Warum hast du mich weggegeben?“ Sie möchte endlich, nach all den Jahren der Ungewissheit, eine Antwort bekommen. Von ihrer Mutter. Treffpunkt der beiden ist ein Spielplatz am Rande der Stadt.

Julia* schaut sich neugierig um und überlegt, ob sie als erstes Schaukeln oder Klettern soll. Sie entscheidet sich fürs Schaukeln, denn da weht ihr der Wind angenehm durch die Haare und die Welt dreht sich so schön. Bald wird sie ihrer leiblichen Mutter diese eine Frage stellen, die sie seit Längerem umtreibt. „Warum hast du mich weggegeben?“

Julia ist aufgeregt. Ihre Mutter hat sie seit drei Jahren nicht gesehen – ein früheres Treffen war nicht möglich. Das achtjährige Mädchen lebt heute in einer LOOP-Familie, in der ein aufnehmender Elternteil pädagogische Fachkraft ist. Ihre leiblichen Eltern konnten sich nicht um sie kümmern, als sie kleiner war. Daher sah sich das zuständige Jugendamt gezwungen, die damals Fünfjährige aus der Familie zu holen. Heute ist Besuchskontakt-Tag mit ihrer leiblichen Mutter Jutta*.

Sicherheit und Halt für Julia
Ihre Gedanken kreisen: Wie wird meine Mutter wohl reagieren? Und wie ich selber? Wird sie mich anschauen? Wird sie mir antworten? Wird sie weinen, sauer werden oder einfach gehen? Ein paar Schaukelschwünge noch, und dann bekommt sie hoffentlich Antworten auf ihre Fragen. In diesem für sie wichtigen Moment ist Julia nicht allein auf dem Spielplatz. Sie wird begleitet von einer ihr bekannten LOOP-Koordinatorin, die als Verbindungsstelle zwischen LOOP-Familie und leiblichen Eltern fungiert und dem Mädchen in diesem Moment Sicherheit und maximalen Halt gibt.

Für Kinder aber geht es nicht nur um Sicherheit und Halt, es geht vor allem auch um Bindung, Vertrauen und Rückhalt – diese Dinge sollten eigentlich die leiblichen Eltern ihren Kindern in ausreichendem Maße geben. Doch nicht immer gelingt es ihnen. Manchmal sind Eltern gar mit der Situation derart überfordert, ein Kind groß zu ziehen, dass dem Jugendamt keine andere Wahl bleibt, als es aus dem Familienverbund herauszuholen und eine alternative Unterbringung zu organisieren.

Spezielle LOOP-Familien
Hier kommt LOOP ins Spiel. Durch unsere jahrelange pädagogische Arbeit in der Kinder- und Jugendhilfe können wir auf ein fundiertes Spektrum an ambulanten und stationären Maßnahmen zurückgreifen, um diesen Kindern eine bestmögliche und altersgerechte Begleitung zu gewährleisten und ihnen ein wärmendes und sicheres Zuhause zu geben.

Ein Beispiel hierfür: unsere LOOP-Familien, bei denen Kinder und Jugendliche intensiv und rund um die Uhr begleitet werden. So wie Julia. Der Fachbegriff der LOOP-Familien lautet Sozialpädagogische Lebensgemeinschaft, kurz SpLG. Hierunter fallen Paare oder Einzelpersonen, die in der Regel ein bis zwei Kinder oder Jugendliche in ihrem Lebensverbund bzw. in ihrer Familie aufnehmen und eine pädagogische Grundausbildung vorweisen müssen. In der heimischen Umgebung werden sie von den speziell ausgebildeten SpLG-Müttern oder -Vätern begleitet und pädagogisch intensiv betreut.

Besuchskontakt als pädagogischer Baustein
Ein wichtiger Baustein des SpLG-Konzepts ist die Einbindung der Herkunftsfamilien in den Begleitungsprozess. Dies geschieht unter anderem im Rahmen von Besuchskontakten: Die Kinder und Jugendlichen sollen die Möglichkeit erhalten, ihre leiblichen Eltern zu treffen, den Kontakt aufrecht zu erhalten, die Beziehung zu klären und zu verstehen und anschließend das Verhältnis zu stabilisieren oder zu intensivieren – je nach Lebensgeschichte. Der Besuchskontakt erfolgt in regelmäßigen Abständen und in enger Absprache mit Jugendamt, SpLG-Familie, LOOP und den leiblichen Eltern. In der Regel dauern die Treffen ein, zwei Stunden. Was auf den ersten Blick kurz erscheint, kann für alle Beteiligten eine kraftraubende und emotional aufwühlende Zeitspanne sein.

Für die Identitätsentwicklung der Kinder ist es unglaublich wichtig zu erfahren, wo ihre Wurzeln liegen. Besteht kein Kontakt zu den Eltern, bleiben womöglich wichtige Fragen unbeantwortet. Die Folge: In ihrer Biographie entsteht eine Lücke. Sicher, nicht immer ist ein Besuchskontakt förderlich, gerade wenn Kinder in ihrer Vita Missbrauchserfahren gemacht haben. Bei Julia aber ist es ok. Sie selber wünscht es sich, schließlich fühlt sie sich heute stark genug, ihre Mutter mit dieser Frage zu konfrontieren – sie endlich rauszulassen aus ihrem Kopf, aus ihren Gedanken und ein Stück Selbstbestimmtheit zu gewinnen, damit sie lernt, zu verstehen und sich diese Lücke in ihrer Biographie schließt.

Sichtlich aufgeregt und berührt
Zurück zum Spielplatz. Endlich, Julias Mutter ist da. Sie setzt sich auf eine Bank nahe dem Klettergerüst und beobachtet ihre Tochter beim Schaukeln. Obwohl Julias Mutter in Vorgesprächen auf diese Situation vorbereitet wurde, ist auch sie sichtlich aufgeregt. Wir begrüßen sie und erklären ihr, sie möge bitte Julia das Tempo des Besuchskontakts bestimmen lassen. Als Julia von der Schaukel springt, entdeckt sie ihre Mutter auf der Bank und winkt ihr zu. Jutta schießen Tränen in die Augen und sie wendet den Kopf ab.

Als sie den Kopf zurückdreht, steht Julia vor ihr und reicht ihr die Hand. „Hallo“, sagt sie. Sie setzt sich zu ihrer Mutter auf die Bank und beide schauen auf das Klettergerüst. Stille. Julia nimmt all ihren Mut zusammen, schaut ihre Mutter an und stellt die Frage, die sie seit so langer Zeit täglich beschäftigt. „Warum hast du mich weggegeben?“ Jutta ringt mit ihrer Stimme. Sie setzt an, pausiert und holt erneut tief Luft. „Weil ich damals nicht die Kraft hatte, dir das zu geben, was du gebraucht hast.“

„Schau, bis da oben bin ich schon einmal geklettert.“ Julia zeigt auf die Spitze des Klettergerüsts. „Großartig“, sagt Jutta. Und dann, erstmals nach drei Jahren, fragt sie: „Wie geht es dir, Julia?“

 

Alle Infos zu unseren LOOP-Familien gibt es hier.

* Tochter und Mutter haben wir Pseudonyme gegeben und nennen auch keine Details zu ihrem persönlichen Umfeld, um sie zu schützen. Mögliche Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten oder Personen sind rein zufällig.