„Lasst uns einen Pakt für die Kinder schließen“

2019 feiert die Welt 30 Jahre Kinderrechte. Vertrauen, liebevolle Beziehungen, körperliche Unversehrtheit, Respekt, emotionale Wärme und Nähe – auch heute werden die Grundbedürfnisse von Kindern häufig nicht berücksichtigt. Das kann fatale Folgen nicht nur für die Kinder haben, sondern auch fundamentale Auswirkungen für die Gesellschaft. Kinder brauchen endlich eine echte Lobby, sagt Dirk Richter, Gründer und Geschäftsführer des LOOP Kinderhilfe e.V. Richter erklärt, warum jetzt ein Umdenken stattfinden muss, um nicht eine ganze Generation zu verlieren.

Wäre Dirk Richter gerne Kind in der heutigen Welt?
Richter: Einerseits ja, denn es ist immer eine Chance, Kind zu sein und sich entwickeln zu können. Andererseits aber auch nicht, denn Kinder haben es heutzutage nochmal eine Ecke schwerer, als es zu meiner Zeit der Fall war.

Warum?
Richter: Im Vergleich zu früher sind die Herausforderungen vielschichtiger. Kinder werden in eine digitale, schnelllebige Informationsgesellschaft hineingeboren. Allein dieses stete Tempo ist für den menschlichen Geist schon herausfordernder – erst recht für kleine Menschen, die sich gerade aufgemacht haben, ihren Platz im Leben zu finden. Zum anderen leben wir heute in einer Gesellschaft, in der das Nachbarschaftliche an Wert verloren hat. Die Wahrnehmung vieler Eltern ist doch mittlerweile, dass sie nicht mehr guten Gewissens ihre Kinder draußen spielen lassen können. Ihre ständige Sorge belastet natürlich auch das Verhältnis zum Nachwuchs.

Wie ist diese Wahrnehmung entstanden?
Richter: Die Menschen haben sich innerhalb des Gesellschaftsgefüges individualisiert. Es ist weniger Zusammenhalt zu spüren, weniger Zeit und zwischenmenschliche Wärme, dafür mehr Skepsis und Abschottung. Im Übrigen ist dies eine Tendenz, die sich nicht nur im gesellschaftlichen, sondern auch politischen Diskurs wahrnehmen lässt. Nicht ohne Grund erstarken Kräfte am politisch extremen Rand, die mit der Abschottung nach Außen Politik betreiben und damit einen Nationalismus-Gedanken wieder salonfähig gemacht haben.


„Kinder wollen unbeschwert Kind sein“


Was sind die drängendsten Herausforderungen für Kinder?

Richter: Der Leistungsgedanke ist deutlich ausgeprägter als früher. Eine erfolgreiche Entwicklung eines Kindes wird oftmals daran geknüpft, was es erreicht. Am besten wäre es doch, wenn ein sechsjähriges Kind zwei Sportarten und zwei Musikinstrumente spielt. Kinder aber wollen einfach nur unbeschwert Kind sein – fernab von Terminen, Zeit- oder Leistungsdruck. Ein Beispiel: Heute wird es oftmals als Makel gewertet, wenn ein Kind nicht aufs Gymnasium geht. Ich stelle mir die Frage, warum? Denn die eigentlich wichtige Frage sollte doch sein, was für das Kind das Beste ist. Wir als Gesellschaft müssen einen Paradigmenwandel vollziehen, ansonsten besteht die Gefahr, dass wir eine ganze Generation verlieren.

Was bräuchten Kinder dann ganz besonders?
Richter: Wärme und Zuneigung. Gehört und gesehen werden. Und das nicht geknüpft an irgendwelche Bedingungen oder Erwartungen. Problematisch wird es, wenn ein Kind lernt, dass es nur dann geliebt wird, wenn es irgendetwas leistet oder Erwartungen anderer erfüllt. Kinder benötigen für ihre Entwicklung Zeit, Vertrauen und den nötigen Platz, sich zu entfalten. Kinder sollten auch mal das Gefühl der Langeweile erfahren und aushalten. Sie müssen lernen, ihre eigenen Erfahrungen zu sammeln, bei sich zu sein – und dafür brauchen sie ein Gefühl von Freiheit.


„Der Leistungsgedanke wird antrainiert“

Werden Kinder von unserer an Leistung orientierten Gesellschaft viel zu früh in ein viel zu enges Korsett gepresst?
Richter: Ich denke schon. Das hat zuvorderst mit dem Verhalten und der Erziehung der Eltern zu tun. Gerade weil es häufig sie sind, die sich diesem Leistungsgedanken verpflichtet fühlen. Es ist ja nicht so, dass Kinder aus einem Vakuum heraus einen Leistungsgedanken empfinden. Der Leistungsdruck wird ihnen vermittelt und antrainiert. Eine erfolgreiche Erziehung bedeutet heute, dass mein Kind im Abitur mindestens einen Notenschnitt von 1,x erreichen, zwei Sportarten betreibt und zwei Musikinstrumente spielen soll. Kinder aber empfinden erst einmal keinen Leistungsdruck. Sie wollen spielen, entdecken, lernen. Das heißt ja nicht, dass Kinder sich nicht untereinander messen wollen. Entscheidend ist die Frage, was wir als Erwachsene den Kindern vorleben.

Welchen Einfluss kann ein freier Träger der Kinder- und Jugendhilfe wie LOOP nehmen, um nachhaltig etwas zu bewirken?
Richter: Als Vorbilder können wir Pädagogen täglich einen großen Einfluss nehmen – bei unserer Arbeit im Umgang mit den Kindern, aber auch mit den Erwachsenen. Indem wir unsere Vision einer kindgerechten Begleitung in die Gesellschaft tragen und unsere Werte immer wieder über die fachliche Arbeit mit allen teilen.

Unser Sozialstaat wird oft als kinderfreundlich angepriesen. Studien aber zeigen, dass die Wahrnehmung vieler Deutschen nicht so ist. Warum?
Richter: Meine Erfahrung ist: Deutschland ist ein Land der Extreme. Frauen, die sich bewusst gegen Kinder entscheiden, werden schief angeguckt. Umgekehrt passiert das aber auch Familien mit mehr als zwei Kindern. Diese beiden Gegensätze sind meiner Meinung nach dafür mitverantwortlich, dass sich über die Jahre hinweg genau dieses ambivalente Gefühl entwickelt hat.


„In unserem Bereich fehlt es an Fachkräften“

 

Was muss passieren, damit sich dieses Bild verändert?
Richter: Deutschland braucht einen sozialen Masterplan. Es gibt eine Menge guter Ansätze und Maßnahmen, nur greifen die oft nicht ineinander. Ein Beispiel: Es nützt nichts, Familien einen Kita-Platz für unter Dreijährige zuzusichern, wenn gleichzeitig diese Plätze nicht aktiv geschaffen werden können und offensichtlich auch nicht der Willen besteht, die entsprechenden Gelder dafür locker zu machen.
Außerdem fehlen Fachkräfte in unserem Bereich. Selbst wenn diese Kitas zur Verfügung stünden, gäbe es nicht genügend Erzieher und Sozialpädagogen, um die Kitas zu betreiben. Das Problem ist, dass der Erzieherberuf über eine viel zu lange Zeit als unattraktiv dargestellt worden ist. Botschaft ist doch: Weder bist du materiell abgesichert, noch genießt du ein hohes Ansehen – ganz gleich, ob im pädagogischen Bereich, bei Krankenschwestern oder Altenpflegern. Wir müssen in unserer Gesellschaft endlich ein soziales Umdenken einläuten.

Dein Appell, damit die Zukunft der Kinder und Jugendlichen nicht düster aussieht?
Richter: Wir müssen endlich Verantwortung übernehmen – für unser Handeln Kindern gegenüber. Das betrifft im Übrigen auch die Politik, die die strukturellen Voraussetzungen für ein Leben in diesem Land schafft. Lasst uns einen Pakt eingehen und die Botschaft vermitteln: Wir sind für Kinder da. Und nicht andersherum. Für Kinder ist es nicht gut, sich stets an das System anzupassen. Dass die Schule morgens um 8 Uhr anfängt oder die Schulstunden eine Länge von 45 Minuten aufweisen, ist dem Arbeitstakt geschuldet und nicht der individuellen Entwicklung der Kinder oder unserem Biorhythmus.

Wir müssen zudem dazu übergehen, unsere Städte endlich nach den Bedürfnissen der Kinder auszurichten. Oder ist es wichtiger, dass Autos genug Platz haben? Für unsere Kinder und die nachfolgenden Generationen müssen wir Verkehr ganz neu denken. Städte sind in erster Linie ausgerichtet auf Autoverkehr. Kinder sind überfordert von der Schnelligkeit, dem Geräuschpegel und den Abgasen, denen sie tagtäglich ausgesetzt sind.


„Das wünscht sich jedes Kind“


Wäre der kleine Dirk Richter gerne bei LOOP untergekommen?

Richter: Ein klares Ja. Außer bei meinen Eltern wäre ich hier am Liebsten gewesen.

Weil…
Richter: …ich das Gefühl gehabt hätte, angekommen zu sein. Angekommen, angenommen und gesehen zu werden, so wie ich bin. Und das wünscht sich jedes Kind.