“Aus Traurigkeit entwickelt sich oftmals Wut”

„Systemsprenger“ – ein Begriff, der viel Sprengstoff bietet. Eine Bezeichnung, die umstritten ist und Kinder und Jugendliche bezeichnet, die durch fast alle Hilfesysteme in Deutschland gefallen sind. „Systemsprenger“ – so heißt auch ein Film, der auf der Berlinale Premiere gefeiert hat und bewegende Einblicke in auch unsere tägliche Arbeit liefert. Unser Geschäftsführer Norbert Briel, Diplom-Sozialpädagoge, Familientherapeut und Supervisor, erklärt, warum der Begriff ‚Systemsprenger‘ so umstritten ist und wie wir bei LOOP Kinderhilfe e.V. Kindern und Jugendlichen helfen, die es in ihrem Leben nicht leicht hatten.

 

Was ist unter einem ‚Systemsprenger‘ zu verstehen?

So werden von den Behörden Kinder und Jugendliche bezeichnet, die in ihrem Verhalten extrem auffällig und dadurch für ihr soziales Umfeld anstrengend sind. Denn für diese Menschen ist das Verhalten nur schwer auszuhalten.

 

Warum ist der Begriff umstritten?

Weil es einer Stigmatisierung gleichkommt, einem Behördenstempel, der ihnen von außen aufgedrückt wird und den sie gar nicht oder nur schwer wieder abstreifen können. Im Glauben des Kindes oder Jugendlichen verankert sich: ‚Ich bin das Problem.‘ Dabei möchten sie durch ihr auffälliges Verhalten signalisieren, dass sie Hilfe benötigen. So wie es sich in dem Moment darstellt, ist ein gelerntes und zweckmäßiges Verhalten, weil es ihnen in bestimmten, früheren Situationen wichtig war.

 

Was kann es emotional mit einem Kind oder Jugendlichen machen, wenn er als ‚Systemsprenger‘ bezeichnet wird?

Sie fühlen sich missachtet und verloren. Sie haben das Gefühl, nicht verstanden zu werden. Wenn Kinder nicht beachtet und wertgeschätzt werden, werden sie traurig – und aus Traurigkeit entwickelt sich oftmals Wut, die, wenn sie nicht aufgelöst wird, beispielsweise zu einem gewaltorientierten Verhalten führen kann.

 

Warum schafft es ein modernes, hoch entwickeltes System wie das unsrige nicht, Kinder und Jugendliche mit traumatischen Erfahrungen und einer auffälligen Persönlichkeitsstruktur angemessen zu begleiten?

Das ist eine komplexe, mehrdimensionale Frage. Wir brauchen zunächst einmal mehr gut ausgebildete Fachkräfte. Für diese muss es einen finanziellen Anreiz darstellen, als Sozialpädagogen oder Therapeuten zu arbeiten. Sprich: Es muss mehr in die Kinder- und Jugendhilfe investiert werden.

Ein weiterer wichtiger Punkt: Wann greifen für diese Kinder und Jugendlichen die ersten Hilfsmaßnahmen? In jedem Fall gilt die Devise ‚je früher, desto besser‘.

Ich finde es sinnvoll, wenn bereits in Kindergärten und Schulen Sozialpädagogen eingesetzt werden. Diese erkennen frühzeitig entsprechende Kinder und werden dann – zusammen mit dem Ursprungssystem, also der Familie – an den Ursachen arbeiten. Auch hier gilt: je früher, desto besser.

 

Wie hilft LOOP, diese Kinder und Jugendlichen aufzufangen?

Wir haben ständig mit diesen Fällen zu tun. Erst einmal gilt es dann, etwas Passendes für die Kinder und Jugendliche zu finden. Wir müssen sie in der täglichen Arbeit auch erst einmal mit ihrem Verhalten aushalten. Anschließend versuchen wir, Vertrauen aufzubauen und zu verstehen, warum sie sich so verhalten. Wenn wir das erreicht haben, möchten wir ihnen eine Alternative zu ihrem bisherigen Verhalten aufzeigen und damit alte Muster auflösen.

Ein gutes Beispiel hierfür ist unser Projekt ‚DeichKids‘ in Niebüll. Wir hatten ein Mädchen, das immer abgängig war, ein extrem auffälliges Sozialverhalten zeigte und unter anderem nicht mit Erwachsenen sprach. Durch den Einsatz unserer tiergestützten Pädagogik und einer wertschätzenden Begleitung unserer Fachkräfte begann das Mädchen schließlich, mit Pferden zu sprechen und darüber Vertrauen auch zu uns aufzubauen. Sie veränderte ihr Sozialverhalten grundlegend und wendete sich dann auch wieder Erwachsenen zu. Ein großer Erfolg.